Montag, 2. März 2015

Münster: Neue Studie über Kirchenaustritt - oder: Welche Kirche hätten Sie denn gerne?

Ich weiß nicht, die wievielte Studie über Kirchenaustritte und ihre Gründe das jetzt ist. Aber immerhin: Jetzt haben wir eine mehr davon.
Das Bistum Münster hat heute eine "groß angelegte Bistums-
studie"
veröffentlicht, bei der mehr als 1.000 Katholiken befragt worden wa-
ren. Das hat selbst-
verständlich, wie die Macher betonten, auch bundesweite Aussagekraft. Wer hätte das gedacht: "Im Kern wollten wir ermitteln, wie zufrieden oder unzufrieden die Menschen mit der Kirche sind", erfuhr man schon in einer Vorab-Meldung.
Gleich mal ein Schock zu Beginn: Im Jahr 2013 traten 179.000 Katholiken aus ihrer Kirche aus. Übrigens waren es in der evangelischen Kirche (ganz ohne Limburger Bischof!) bei den aktuellsten Zahlen aus 2012 noch deut-
lich mehr, nämlich 256.500 Austritte. Das sollte jeder vielleicht schon mal bedenken, wenn man über Gründe und Ideen zur Steigerung der Attrak-
tivität der Kirche nachsinnt und mal wieder Ideen wie Frauenpriestertum und Abschaffung des Zölibats ins Spiel bringt (nicht speziell auf die neue Studie bezogen!).

Achtung, jetzt kommt man zum Kern der Sache: "Nach allen bisherigen Analysen hat bei den Betroffenen zuvor ein langer Prozess der Entfrem-
dung stattgefunden"
. Dann sei die letzte Konsequenz, der Austritt, beim kleinsten Anlass zum Ärger nicht mehr weit.
Wesentliche Erkenntnis der Studie: "Wie wahrscheinlich ein Austritt aus der Kirche wird, hänge stark von der Zufriedenheit ab. Salopp formuliert: Wer unzufrieden ist, tritt eher aus." - Ach!  ---> KLICKEN !
Der Studie sollen Initiativen folgen, "die Zustimmung und Zufriedenheit steigern sollen".
Meine Meinung:  Vielleicht sollte man, bevor man demnächst womöglich Wellness-Bereiche in die Kirchen einbaut und über die Geschmacksrich-
tung der Hostien abstimmen lässt, auch im Auge behalten, dass der Mit-
gliederschwund bei anderen großen Organisationen weitaus dramatischer ist als bei der katholischen Kirche; die SPD etwa hat in den letzten 30 Jah-
ren etwa 50 % (!) ihrer Mitglieder verloren. Statistische Zahlen sollten also immer im Kontext interpetiert werden.
Psychotherapeuten sprechen im Zusammenhang mit dem allgemeinen Jammern, das heutzutage üblich geworden ist, auch gerne davon, dass es bei ihren Patienten (und bei Organisationen wie der Kirche?) das Phäno-
men gibt, dass man immer nur defizitorientiert denkt, statt sich seiner Stärken und Fähigkeiten bewusst zu werden, die man (noch) hat. So sicher wie das Amen in der Kirche wird bei jeder bischöflichen Visitation in einer Pfarrgemeinde beim fälligen Gespräch mit dem Pfarrgemeinderat das Thema Zölibat gebracht. Mancher Bischof kann es schon nicht mehr hören, spottete der Psychiater Dr. Manfred Lütz bereits vor Jahren...
Bevor man also jetzt auf die Idee kommen sollte, etwa mit allzu phantasie-
vollen liturgischen Experimenten Leute für die Kirche zu ködern (oder geht es in Wahrheit eher um den Verlust der Kirchensteuereinnahmen, wie Bös-
willige behaupten), sollte man auch einmal über Ergebnisse der eben vor-
gestellten Studie nachdenken wie diese: Von den Befragten im Bistum Münster kannten mehr als ein Fünftel noch nicht einmal den Namen des Bischofs, und etwa ein Drittel wussten nicht, wer in "ihrer "Pfarr-
gemeinde Pfarrer ist
.
Sorry, aber solchen Mitgliedern wird man es auch mit allen denkbaren Zückerchen nicht recht machen können, fürchte ich. Desinteresse lässt sich mit Sonderangeboten nicht dauerhaft beseitigen, das ist Augenwischerei.

Der eigentliche Aufreger, der in den meisten Studien überhaupt nicht er-
wähnt wird, ist für mich ein ganz anderer: Nur 10 % der deutschen Katho-
liken besuchen überhaupt noch die Heilige Messe. Da müsste der Priester schon ankündigen, nackte Damen auf dem Altar tanzen zu lassen, damit man die Kirche noch voll kriegt, fürchte ich...

Ergebnisse der aktuellen Studie (19 S. pdf) ---> KLICKEN !
Heutige Presseerklärung Münster (pdf) ---> KLICKEN !

Kommentare:

  1. Ich habe die angebotene Datei mit den Studienergebnissen zwar
    nur schnell mal überflogen, aber: Was wissen wir jetzt eigentlich,
    was wir vorher nicht wussten?

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  2. Ein Kirchenmann2. März 2015 um 13:52

    Pater Manfred Kollig, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge
    im Bistum Münster, erklärte heute vor den Medien zur den Erkennt-
    nissen der Studie:
    "Notwendig sei zudem, die Kommunikation nach außen und innen zu professionalisieren und zu verstärken: "Es braucht eine Feedback-Kultur,
    eine verbesserte Ansprechbarkeit, eine multimediale Kommunikation und
    Offenheit für Dialog und kritischen Diskurs."

    Na, da haben wir sie doch, die Lösung für die vielen Austritte:
    Einfach multimedial kommunizieren in der Pfarrei, dann wird alles gut...
    O weh...!

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    1. Tja, das Gegenmittel ist probat und jahrhundertelang erprobt: Einfach die liturgischen Rubriken missbrauchsfrei runterbeten, den Leuten den Katechismus um die Ohren hauen, den Sünder in der Seelsorge auf seine Sünde und den drohenden Verlust des ewigen Heils ansprechen, die Leute zur eucharistischen Anbetung in die Kirche holen und ihnen sagen, dass sie den Rosenkranz beten sollen. Und die Priester natürlich nicht mehr in Krawatte oder noch schlimmeres, sondern in Soutane. Und alles wird gut und die Kirchen wieder brechend voll.

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  3. Nemrod meint: Immer gemach - wenn die neue Linie gewisser Bischöfe in Bezug auf Ehelehre und Sexualmoral auf der einen und die Verwirklichung von Vorschlägen aus Küngschem Mistbeet erst mal umgesetzt ist, dann erleben wir einen kirchlichen Aufbruch! "PriesterInnen" beiderlei Geschlechts bespaßen mit einer "rundum-sorglos- Frohbotschaft" die Gemeinde....und alle bezahlen für dieses Programm natürlich gerne Kirchensteuer...oder doch nicht?? Ob das dann aber noch richtig was mit römisch - katholischer Kirche zu tun hat....

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  4. Der englische Blogger Rorate Caeli hat mit Kardinal Burke ein Exclusiv Interview geführt. Es emphiehlt sich, dass der eine oder andere Bischof dort einmal liest, dann kapiert er vielleicht, was der Kirche wirklich fehlt. Bespaßungsprogramm gibt es genug und für die Bespaßung gibt es sogar Profis. Da können Showeinlagen am Altar egal ob von Priestern oder Priesterinnen durchgeführt, ohnehin nicht mithalten. Vielleicht sollte man's im Bistum Münster mal mit der Glaubensverkündigung versuchen. Dann wird vielleicht der eine oder andere merken, dass die Glaubenswahrheiten ewig sind und deshalb gar nicht rückständig sein können.
    Ich kenne genügend Leute, die meinen, dass es die Gebote nicht braucht, die aber dann am lautesten heulen, wenn mal in ihre Wohnung/Haus eingebrochen wird.

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  5. Diözesaner Bürohengst2. März 2015 um 17:41

    Wenn also ein Drittel der Katholiken (!), die da befragt wurden,
    noch nicht einmal den Namen ihres Pfarrers kennen, dann kann
    man die Studie doch gleich in die Tonne kloppen.
    Was soll man mit der Meinung von solchen Leuten, die offensichtlich
    zu den Kirchenfernen gehören?
    Soll man sie vielleicht demnächst mit dem Taxi abholen und ihnen
    in der Kirche eine Raucherloge mit Internetanschluss anbieten, damit
    sie Gott die Ehre erweisen und die Heilige Messe besuchen ???

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  6. Da muss in Münster jetzt sicher bald ein Unternehmensberater
    an die Front: Wie können wir den Bischof so gut präsentieren,
    dass ihn endlich mehr Gläubige kennen...
    Wieviel hat die wissenschaftliche Studie eigentlich gekostet?
    Reichen da 100.000 Euro?

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  7. Ich hatte es befürchtet.
    Nun kann man es aus dem Munde von Bischof Genn selbst
    hören: "Wir sprechen ja hier von Marketing..."
    und...die meisten Beschwerden gebe es bei Todesfällen,
    und zwar, weil die Menschen "nicht gut genug bedient werden..."

    Also ganz klar: Die Kirche auf dem Wege zum Dienstleistungs-
    unternehmen. Service für diverse Lebenslagen und - gefühle.

    Hier im offiziellen Video des Bistums Münster:
    https://www.youtube.com/watch?v=zDs641bEf94

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  8. Die gesellschaftiche Macht bzw. der gesellschaftliche Einfluss der RKK ist in der BRD irgendwie teilweise verloren gegangen. Damit ist der "Druck" innerhalb der RKK zu bleiben geschwunden. Und der inneren Entfernung folgt eben nun vermehrt die äußere Entfernung.

    Als Gedankenexperiment:
    Man stelle sich vor, dass die RKK, als einer der größten Arbeitgeber im Sozial-/Gesundheitsbereich, auf einmal allen Mitarbeitern freistellen würde ob sie noch Kirchenmitglied sein wollen oder nicht. Ich persönlich tippe auf mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmer, die sang- und klanglos und umgehend aus der RKK austreten würden, sofern sie keinerlei Kündigung oder berufliche Nachteile befürchten müssten.

    Ich denke, dass die RKK nur noch teilweise so hohe Mitgliedszahlen hat, weil ein Teil der Mitglieder noch immer gesellschaftliche Nachteile zu befürchten hat (Arbeitslosigkeit, kein Kindergartenplatz usw.). Oder aber Nachteile bei der Elterngeneration (kirchliche Bestattung, ständiges Gejammere wegen Austritt usw.). Im Grunde ist ein Teil jener Menschen, die nach wie vor in der RKK sind, nur noch deswegen Mitglied, weil man z. B. zu faul ist, sich mit der Verwandtschaft runzuärgern, weil man um seinen Arbeitsplatz fürchtet, weil man einen Kindergartenplatz will und die RKK das örtliche Monopol hat usw. usw. usw.

    Aber dise Menschen sind innerlich schon so weit von der RKK weg, dass sämtliche Anstrengungen der RKK ins Leere laufen (müssen). Da kann man über Zölibat, Frauenpriestertum usw. diskutieren. Das bringt jene innerlich fernen Menschen nicht zur RKK zurück.

    In meinen Augen müsste sich die RKK eingestehen, dass sie im Grunde zwar noch ne ganze Menge kirchensteuerzahlende Mitglieder hat. ABER sie hat nur mehr eine wesentlich geringere Menge tatsächlich Glaubender.

    Und alleine auf Grund der demographischen Entwicklung in der BRD wird hier innerhalb der nächsten 20 Jahre ein Gros der RKK Mitglieder schlicht und ergreifend wegsterben. Und neue Mitglieder kommen nur schleppend nach und jüngere Mitglieder treten halt beim nächsten Skandal aus - sofern sie nicht im Gesundheits- oder Sozialbereich arbeiten ;-)

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  9. Da, wo es hätte interessant werden können, endet die Studie. Was heißt „Die Kirche ist mir zu rückständig?“
    Vielleicht „Die Kirche glaubt immer noch das Gleiche wie vor 2000 Jahren“?
    Oder „Ich gehe voran, die Kirche folgt mir nicht“?
    Oder „In der Kirche herrschen immer noch die 68er-Weltverbesserer-Optimisten“?
    Oder „Woanders bekomme ich inzwischen mehr Bedürfnisbefriedigung für mein Geld“?
    Oder „Palästinensischer Wanderprediger ohne Twitter-Account? Folgen? Wie soll das gehen?“
    Der 2. Hauptaustrittsgrund wäre leichter auszuräumen: Kirchensteuer abschaffen und schon würden 40% weniger Menschen aus der Kirche austreten. :-)

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